Institut für Allgemeine Sprachwissenschaft
Jan Wohlgemuth, M.A.
Proseminar "Sprachtod – Sprachverfall – Sprachrettung" (SoSe 2003)
Veranstaltungsnummer: 098010
Studienelemente: (10) (8) (Soziolinguistik)
Wann/Wo: Do 14-16, Seminarraum des IfAS
Beginn: 24.04.2003
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Mit (*) gekennzeichnete Themen sind für eine Präsentation auf dem Workshop vorgesehen oder geeignet.
- Was ist Sprachtod? — eine Begriffsdefinition und -diskussion (*)
- Assimilation einer ganzen Sprachfamilie — vom Schicksal der Australischen Sprachen (*)
- Das punctuated equilibrium Modell von Nettle (1999) (*)
- Kriterien für die Einstufung als (extrem) bedroht, moribund, oder sterbend
- Grammatische Erscheinungsweisen des Sprachtods
- Pragmatische Erscheinungsweisen des Sprachtods
- Soziale und emotionale Begleiterscheinungen des Sprachtods (*)
- Die Situation bedrohter und sterbender Sprachen...
- ... in den USA und Kanada
- ... in Lateinamerika (*)
- ... in Südostasien
- ... im anglophonen Afrika
- ... im frankophonen Afrika
- ... in Europa
- ... im Bereich der ehemaligen Sowjetunion
- ... des Nordens (Sibirien, Alaska, Polaranrainer)
- ... Indiens und Zentralasiens
- ... in Australien und Neuseeland
- Erscheinungsweisen und Ursachen des Sprachtods 1 – (Dixon; Crystal)
- Erscheinungsweisen und Ursachen des Sprachtods 2 – (Nettle/Romaine)
- Ist Sprachwandel gleich Sprachverfall gleich Sprachtod ?
- Die zwiespältige Rolle des SIL (Summer Institute of Linguistics)
- Institutionen der Sprachrettung: UNESCO, ICHEL, FfEL
- Maßnahmen zur Sprachrettung und -wiederbelebung
- Einzelfälle, z.B.
- Maori: die kohanga reo
- Dyirbal: nur ein gut dokumentierter Fall unter vielen (*)
- Alëutisch und/oder Inuit
- Friesisch: Sprachrettung mitten in Europa
- Navajo und/oder Cherokee
- etc...
- Englisch: Weltsprache und Killersprache? (*)
- (Wovor) Muss Deutsch geschützt werden?
- Sprachenrecht und Sprachenpolitik bzw. die linguistic human rights
- Sprachen und biokulturelle Vielfalt (Sprachökologie) (*)
- Die Rolle der Sprachwissenschaft(ler) bei Sprachtod und Sprachrettung
- Wozu braucht man sprachliche Vielfalt?
- Sprachtod und Darwinismus
Weitere Themen können je nach Interessen oder Vorkenntnissen gern mit mir abgesprochen werden
Literaturübersicht
Allgemeine Literatur und Sammelschriften:
- Crystal, David: Language Death. Cambridge et al.: University Press, 2000.
- Dixon, Robert M.W.: The rise and fall of languages. Cambridge et al.: University Press, 1997.
- Grenoble, Lenore A. / Whaley, Lindsay J. [Hrsgg.]: Endangered Languages. Cambridge et al.: University Press, 1998
- Nettle, Daniel: Linguistic Diversity. Oxford et al.: University Press, 1999.
- Nettle, Daniel / Romaine, Suzanne: Vanishing Voices. The Extinction of the World's Languages. Oxford et al.: University Press, 2000.
- Maffi, Luisa [Hrsg.]: On biocultural diversity. Linking language, knowledge, and the environment. Washington et al.: Smithsonian Institution Press, 2001.
- Matsumura, Kazuto [Hrsg.]: Studies in Endagered Languages. Tokyo: Hituzi Syobo, 1988.
- Robins, R.H. / Uhlenbeck, E.M. [Hrsgg.]: Endangered Languages. Oxfrd: Berg, 1991.
Anmerkungen und Literaturhinweise zu einzelnen Themen:
- 1. Was ist Sprachtod - eine Begriffsbestimmung und -diskussion (*)
- Neben den gängigen Fachlexika sind hier insbesondere Crystal (2000), Nettle/Romaine (2000) sowie Brenzinger (in: [07], S. 85-100) wichtig; Erläutern Sie nicht nur den Terminus sondern ergründen Sie den gesamten Metaphernbereich (Sprachtod, sterbende Sprache, Sprachmord, Wiederbelebung, etc.) auch unter dem Gesichtspunkt der medizinisch-ethischen Frage, wann der Tod (z.B. bei einem Menschen) eintritt. Dieses Thema kann im Workshop auch in Form einer geleiteten Diskussion bearbeitet werden, deren Ergebnisse ggf. in die Seminararbeit einfließen können.
- 2. Assimilation einer ganzen Sprachfamilie: vom Schicksal der Australischen Sprachen (*); Referentin: B. Brocks
- In Dixons Schriften zu den australischen Sprachen tauchen überall Situationsschilderungen auf; Insbesondere in seinen Grammatiken des Dyirbal und des Yidiny. Verwenden Sie u.a.:
Dixon, Robert Malcolm Ward (1972): The Dyirbal Language of North Queensland. Cambridge et al.: University Press, 1972; ders. (1983): Searching for Aboriginal Languages. Memoirs of a field worker. St Lucia: University of Queensland Press, 1983; ders. (1991): A changing language situtation: The decline of Dyirbal, 1963-1989. In: Language in Society 20/2, 1991, S. 183-200; Schmidt, Annette (1985): Young People's Dyirbal. An example of language death from Australia. Cambridge et al.: University Press, 1985 (= Cambridge Studies in Linguistics; Supplementary Volume). Eigene Recherchen nach weiteren Situationsbeschreibungen sind ausdrücklich erwünscht.
- 3. Das punctuated equilibrium Modell von Dixon (1997) und Nettle (1999)
- Nettles Buch (1999) erweitert und ergänzt das von Dixon 1997 entworfene Modell. Stellen Sie beide Erklärungsansätze zu Entstehung und Verschwinden von Sprachen abwägend vor. Gewisse mathematisch-statistische Grundkenntnisse sind für die Lektüre von Nettle durchaus hilfreich. Wegen seiner Komplexität eignet sich dieses Thema besonders für ein Gruppenreferat (2-3 Referenten; 60-90 Minuten).
- 4. Kriterien für die Einstufung als (extrem) bedroht, moribund, oder sterbend
- Stellen Sie dar, welche verschiedenen Faktoren verwendet werden, um den Gefährdungsgrad einer Sprache auszudrücken bzw. vergleichbar zu machen. Stützen Sie sich insbesondere auf Grenoble/Whaley: Toward a typology of language endangerment. In: dies. S. 22-54; Krauss: The scope of language endangerment... In: [07], S. 101-114; sowie Dixon (1997) und Crystal (2000). In fast jedem Aufsatz oder Buch zum Thema werden Kriterien dargestellt. Beschränken Sie sich auf wenige Taxonomien und stellen Sie diese dafür gründlicher dar.
- 5. Grammatische Erscheinungsweisen des Sprachtods
- Wie drückt sich Sprachtod innerhalb einer Sprache aus? Stellen Sie dar, wie sich die Grammatik einer sterbenden Sprache z.B. bei Halbsprechern verändert. Literatur: Die Aufsätze von Bergland und Brenzinger in [07], außerdem auch Wohlgemuth, J.: Dyirbal in der Assimilation - Soziales Umfeld und grammatischer Wandel des derzeitigen Dyirbal. In: Proceedings der XXIX. Studentischen Tagung Sprachwissenschaft Saarbrücken 23.-27.05.2001. Hrsg. v. Tatjana Scheffler et al. Berlin: Logos, 2001. S. 67-89.
- 6. Pragmatische und lexikalische Erscheinungsweisen des Sprachtods
- Neben grammatischem Wandel tritt beim Sterben einer Sprache auch ein Funktionswandel auf. Die betr. Sprache wird in anderen/weniger Situationen (Settings) verwendet und ihr Wortschatz verfällt ungleichmäßig. Nur für bestimmte Lebensbereiche halten sich lexikalische Inseln. Stellen sie dieses Phänomen an einer oder zwei Beispielsprachen dar. Literatur: wie Thema 5; außerdem die gängigen Schriften zum Sprachtod (s.o.).
- 7. Soziale und emotionale Begleiterscheinungen des Sprachtods (*)
- Der Verlust einer Sprache hat folgen für die verbleibenden Halbsprecher. Er geht einher mit dem Verlust von Identifikation und Zugehörigkeitsgefühl etc. Stellen sie dieses Phänomen an einer oder zwei Beispielsprachen dar. Literatur: wie Thema 5; außerdem die gängigen Schriften zum Sprachtod (s.o.). Ein weiterer themenbezogener Aufsatz von A. Schmidt kann bei mir ausgeliehen/kopiert werden.
Dieses Thema ist insbesondere für Studiere der Fächer Pädagogik oder Psychologie gedacht, die Erkenntnisse aus diesen Fächern in das Referat einbringen können.
- 8. Die Situation bedrohter Sprachen ...
- Eine Literaturliste für diesen Bereich wäre viel zu umfangreich. Gerne gebe ich in meinen Sprechstunden Hinweise auf passende Aufsätze und Materialien.
- 9. Ursachen des Sprachtods 1 (Dixon 1997; Crystal 2000)
- Stellen Sie die verschiedenen Ursachen vor, die Dixon und Crystal für Sprachtod ansetzen. Gehen Sie dabei auch auf die Beispiele ein - hier könnte sich eine weitergehende Recherche lohnen.
- 10. Ursachen des Sprachtods 2 (Nettle/Romaine 2000)
- Stellen Sie die verschiedenen Ursachen vor, die Nettle/Romaine für Sprachtod ansetzen. Gehen Sie dabei auch auf die Beispiele ein - hier könnte sich eine weitergehende Recherche lohnen.
- 11. Ist Sprachwandel gleich Sprachverfall gleich Sprachtod ?
- Dieses Thema muss man sich weitgehend selbst erarbeiten, u.a. durch Lektüre der grundlegenden Schriften wie Dixon (1997) und Nettle/Romaine (2000), wichtig ist jedoch, dass man sich durch eigene Recherche und Abwägung ein Vortragsreifes Urteil bildet. Auch dieses Thema eignet sich für eine moderierte Diskussion, sofern der Moderator über genügend Hintergrundwissen verfügt, um eine Diskussion zu initiieren und zu leiten.
- 12. Die zwiespältige Rolle des SIL (Summer Institute of Linguistics)
- Noch eine Recherchearbeit. Neben den Selbstdarstellungen des SIL z.B. unter
www.sil.org sind hier weiter gehende Internetrecherchen und die Lektüre von Situationsbeschreibungen v.a. aus Südamerika und dem Pazifikraum wichtig. Einige Lesehinweise kann ich bei Bedarf in der Sprechstunde nennen.
- 13. Institutionen zur Sprachrettung: UNESCO, ICHEL, FEL
- Beschreibungen der UNESCO, des International Clearing House for Endangered Languages, und der Foundation for Endangered Languages finden sich nicht nur auf den Homepages dieser Organisationen, sondern u.a. auch in Matsumura (1998) und Crystal (2000).
- 14. Maßnahmen zur Sprachrettung und -wiederbelebung
- Generelle Anmerkungen und Einzelfallschilderungen finden sich in den Sammelbänden von Matsumura, Robins/Uhlenbeck, Grenoble/Whaley sowie bei Dixon 1997 und Crystal 2000. Zu diesem Thema gibt es zahllose Internetseiten jedweder Qualität.
- 15. Einzelfälle; z.B. ...
- Generelle Anmerkungen und Einzelfallschilderungen finden sich in den Sammelbänden von Matsumura, Robins/Uhlenbeck, Grenoble/Whaley sowie bei Dixon 1997 und Crystal 2000. Weitere Literatur zu Einzelsprachen in meinen Sprechstunden.
- 16. Englisch: Weltsprache und Killersprache ? (*); Referent: S. Athmer
- Ist Englisch auf dem Weg, alle anderen Sprachen zu verdrängen? Welche Rolle hat Englisch in der globalen Kommunikation und welche Folgen hat das für andere Sprachen? Ist es nicht wünschenswert, nur eine einzige Weltsprache (Englisch?) zu haben? Hierzu gibt es zahlreiche Internet-Publikationen; siehe auch Crystal: English as a Global Language. Cambridge, Univ. Press, 1998. Dieses Thema kann in Rothenberge auch als geleitete Diskussion präsentiert werden.
- 17. (Wovor) Muss Deutsch geschützt werden?
- Auch wen Deutsch von der Sprecherzahl her in der Top 10 weltweit steht, gibt es Menschen und Organisationen, die behaupten, die dt. Sprache sei gefährdet. Informieren Sie sich über die Argumente dieser (meist Laien- oder Lehrer-)Organisationen und Autoren (z.B. Verein zur Wahrung der dt. Sprache, u.v.am.) und setzen Sie sich kritisch mit diesen Argumenten auseinander.
- 18. Sprachenrecht und Sprachenpolitik / die linguistic human rights; Referentin: D. Maschke
- Stellen Sie dar, welche rechtlichen und politischen Grundlagen einerseits für Sprachtod andererseits für Sprachenschutz und -rettung existieren; stellen Sie auch die Erklärung der sprachlichen Menschenrechte (1992) vor.
- 19. Sprachen und biokulturelle Vielfalt (Sprachökologie) (*)
- Stellen Sie unter Verwendung einzelner Aufsätze aus Maffi (2001) dar, inwiefern sprachliche, gesellschaftliche und biologische Vielfalt miteinander korreliert sind.
- 20. Die Rolle der Sprachwissenschaft(ler) bei Sprachtod und Sprachrettung
- Sowohl bei Dixon (1997) als auch bei Crystal (2000), bei Nettle/Romaine (2000) und bei Matsumura (1998) finden sich hierzu eine Reihe Aussagen, die man zu einem Gesamtbild zusammentragen kann.
- 21. Wozu braucht man sprachliche Vielfalt?
- Ist es nicht wünschenswert, nur eine einzige Weltsprache (Englisch?) zu haben? Oder ist sprachliche (und kulturelle) Vielfalt genauso wichtig wie Artenvielfalt und ökologisches Gleichgewicht? Welche Bedeutung hat sprachliche Vielfalt für das Leben des Menschen und ganz besonders für unsere Disziplin Linguistik? Hierzu gibt es zahlreiche Internet-Publikationen; siehe auch Crystal: English as a Global Language. Insbesondere aber: Corbett: Why Linguists need Languages in [06], S. 82-94; dort auch weitere Literaturhinweise.
- 22. Sprachtod und Darwinismus
- Ein wisenschafts- und sozialkritisches Thema. Setzen Sie sich mit der Fragestellung auseinander, ob Sprachtod ein natürliches Auslese- und Anpassungsphänomen ist, das vor allem „primitive“ Sprachen betrifft, de „eh niemand braucht“ - oder? Auch hier sind die Aufsätze und Literaturhinweise aus [06] hilfreich.
Stand: 16.03.2003
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