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Jan Wohlgemuth M.A.
Wie schon aus dem Klappentext (und leider nicht aus dem Titel) deutlich wird, liegt der Schwerpunkt dieses Lexikons auf der germanistischen Sprachwissenschaft. Dem ebenfalls im Klappentext formulierten Anspruch, für die allgemeine Sprachwissenschaft informativ zu sein, wird es jedoch keineswegs gerecht. Grammatische Phänomene, die nicht im Deutschen vorkommen, sucht man genauso vergebens, wie eine Übersicht über die internationale Lautschrift (IPA), die der Autor offenbar ohnehin nicht sonderlich achtet: Nicht nur, dass er ihre Bezeichnung stets in Anfühungszeichen setzt (vgl. z.B. Stichwort „Phonetische Umschrift“, S. 385), er verwendet z.B. auch das Symbol des dentalen Klicks [ | ] (IPA #177) für den glottalen Plosiv (IPA #113) (vgl. Stichwort „Glottal stop“, S.185 und div. Umschriften); außerdem sucht man vergeblich nach dem Lemma „IPA“ oder Vergleichbarem. Auch dass man in einem sprachwissenschaftlichen Wörterbuch die bedauernswerte Gleichsetzung von Nasalkonsonanten und nasalierten Vokalen unter dem Lemma „Nasale“ (S. 349) finden muss, zeugt von dem gespaltenen Verhältnis des Autors zur Phonetik.
Dass ein Lexikon mit 650 Seiten (666 S. inklusive Literaturverzeichnis. Ein Schelm, wer bei dieser Zahl an etwas Arges denkt!!) nicht alle Sprachen der Welt namentlich aufführen kann, ist nur allzu verständlich und würde wohl auch nicht erwartet. Sich aber lediglich unter dem Stichwort „Sprache“ mit einem Link auf den in der Fachwelt nicht gerade unumstrittenen „Ethnologue“ des berüchtigten „SIL“ zu berufen, ist jedoch unschön. Auch wäre es eventuell nett gewesen, wenigstens die indoeuropäischen Sprachen etwas weniger sparsam zu umschreiben. Diese Information würde ja auch ein Germanist vielleicht in seinem Lexikon noch erwarten wollen.
Der streng germanistische Blickwinkel wird bei der
Erläuterung vieler Termini deutlich, so beispielsweise bei der
Behauptung, dass das Subjekt eines Satzes immer im Nominativ stehe
(vgl. S. 543 u. 358), was ja selbst im Deutschen nicht in 100% der
Fälle zutrifft. Aber auch die Parallelisierung von
„Subjekt“ und „Thema“ (vs.
„Rhema“) ist äußerst
fragwürdig. — Und dass „logisches
Subjekt“ und „psychologisches Subjekt“
zwei verschiedene Dinge sind, entgeht dem Autor ebenfalls (vgl. S. 323).
Wohl nicht nur außerhalb der Gemanistik untragbar ist auch
die Gleichsetzung von Ablauten, Umlauten, Fugenelementen und Infixen
(vgl. Stichw. „Infix“, S. 222) — ganz
abgesehen davon, dass Homberger selbst an anderer Stelle das
Fugenelement als rein euphonisches (und eben nicht morphologisches)
Phänomen beschreibt (S. 153).
Aber neben dem nicht einmal ansatzweise erfüllten Versprechen, ein Lexikon auch für die allgemeine Sprachwissenschaft zu sein, wird auch das Versprechen, „Fragen aus allen Bereichen der germanistischen Linguistik“ zu beantworten, nur teilweise verwirklicht. So sucht man vergeblich nach Begriffen wie „Anglizismus“, „Basis“, „Jiddisch“, „Rotwelsch“ oder „Sprichwort“ oder nach einer Definition von „Name“, die über den Eigennamen hinaus so etwas wie Orts- oder Markennamen u.a. wenigstens erwähnt.
Man mag sich auch fragen, warum einige nicht-neuhochdeutsche Phänomene älterer Sprachstufen oder verwandter Sprachen (z.B. der Dual) keinen Eintrag wert sind. Nach der Diathese „Medium“ will ich gar nicht erst fragen, nachdem ich die hanebüchene Erklärung unter „Mediales Verb“ (S. 329) gelesen habe.
Richtig gefährlich wird das Buch aber dort, wo der Verfasser um der Knappheit Willen nicht zwischen Erläuternden Begriffen bzw. Synonymen und häufig kookurrierenden (oder gar konkurrierenden) Begriffen trennt. Wer beispielsweise unter „arbiträr“ (s. 47) nachschlägt, findet dies dort erklärend gleichgesetzt(!) mit „konventionell, dt. willkürlich“ (ebd.), und auch der Unterschied zwischen „Transkription“ und „Transliteration“ wird durch den Autor schlichtweg annulliert (vgl. die beiden(!) Einträge „Transkription“ S. 589 u. 590). Die Definitionen und Beschreibungen schließlich, die sich unter „Etymologie“ „Pidgin“, „Sprachursprung“ oder „Universalie“ finden, sind schon zu haarsträubend, um sie hier auch noch zu wiederholen.
Geradezu putzig ist hingegen die recht unbefangene Definition von „Internet“ (S. 235), die so gar nicht technisch ist, sondern im Wesentlichen aus Beispielen für URLs und der naiven Feststellung besteht, das Internet
„bietet Sprachwissenschaftlern eine ganze Reihe von nützlichen Links mit Informationen zu speziellen Wissensgebieten oder zu Fragen von allgemeinem Interesse. Alle Adressen beginnen mit ‚http://' - allerdings gilt zu bedenken, dass sie sich gelegentlich ändern.“ (ebd.)
(Dass es neben dem http auch noch andere Protokolle wie telnet, ftp, mail, news, gopher gibt, und dass das Internet nicht nur aus Links sondern auch aus Texten besteht, scheint dem Autor entgangen zu sein.)
Im Vorwort des Lexikons ist die Rede davon, dass es für das germanistischen Grundstudium und darüber hinaus gedacht sei. Ob man jedoch sich wünschen sollte, dass angehende Germanisten sich auf dieses Werk stützen, und ob es ihnen jenseits einführender Kurse noch nützlich sein kann, halte ich daher für fraglich. Alles in allem ist dieses Wörterbuch also maximal als Einstieg oder als „second opinion“ neben einem ausgereifteren Werk (wie Lewandowski, Bussmann, LGL, Metzler Lexikon (Glück), Cambridge Enzyklopädie (Crystal) etc.) brauchbar. Aber wahrscheinlich darf man heute für 18,90 € nicht mehr erwarten.
J. Wohlgemuth M.A.
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Zuletzt geändert: 23. Februar 2009
Erstmals erstellt: 20. Juni 2002